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patCHquilt Bulletin Nr. 93 Somer 2012



Iwanowo – "russisches Manchester" oder "die Stadt der Bräute"

Dieses Jahr werden wir viele verschiedene Patchwork Events erleben dürfen, dennoch möchte ich über ein Ereignis des letzten Sommers berichten. Da hatte ich das Glück eine kurze Reise in meine Heimat Russland unternehmen zu können. Diese knappe Woche verbrachte ich bei Freunden und Verwandten, allerdings hatte ich mich gefreut, dass ich auch die Zeit und Möglichkeit für einen Tages-Patchwork-Ausflug nach Iwanowo hatte. Sie mag mit ihren 450 000 Einwohnern für Schweizer Verhältnisse gross erscheinen, für Russland hat diese Stadt jedoch provinziellen Charakter.

Iwanowo ist ein Bestandteil der bekanntesten touristischen Marschroute Russlands. Sie heisst der Goldene Ring und geht durch altertümliche, russische Städte hindurch. Dort sind einzigartige Denkmäler der Geschichte und Kultur Russlands erhalten geblieben. Gewöhnlich sind die Zentren dieser Orte im Stil der russischen Klassik gestaltet. Dieses Goldene-Kuppel Panorama zieht viele Touristen an. Hier kann Iwanowo nicht wirklich konkurrieren, da in der Stadt der architektonische Konstruktivismus vorherrscht.

Dennoch gibt es hier für textilbegeisterte was zu sehen: Noch vor den Zeiten des Russischen Reiches war Iwanowo traditionell ein Zentrum für die Stoffverarbeitung. Nach der industriellen Revolution war die Stadt sogar unter dem Namen „russisches Manchester“ bekannt. In der Sowjetunion wurde Iwanowo „die Stadt der Bräute“ genannt, was bis heute so geblieben ist. Der Grund dafür ist einfach, da in der Produktion meistens Frauen tätig waren und die Stadt durch Zuwanderung immer mehr ein weibliches Gesicht bekam.

Bis heute ist Iwanowo immer noch im ganzen Land für die Produktion eines besonderes Stoffes bekannt. Dieser Stoff heisst Sitez (Holländisch: Sits, Englisch: Chintz). Eine genaue Übersetzung ins Deutsche gibt es nicht. Da der Stoff aus Baumwolle gefertigt wird, nennt man ihn im deutschsprachigen Raum einfach Baumwolle.
Dabei ist das Sortiment von Baumwollstoffen sehr vielfältig und besteht aus verschiedensten Arten. Sie haben alle möglichen Eigenschaften, Fadendichten, Färbungen und Arten der Bearbeitung. Baumwollstoffe werden aus Kamm-, Halbkamm- oder auch Streichgarn mit unterschiedlichen Dicken (von 263,2 tex bis 5,88 tex) und verschiedenen Strukturen (one-thread, gezwirnt und geflochten) hergestellt. Für die Produktion von Baumwollstoffen werden alle Arten von Fadensystemen eingesetzt. Stoffe sind unterschiedlich schwer: Gewichtsschwankungen für 1m^2 können sich im Bereich von 36g bis 815g bewegen. Baumwollstoffe sind ebenfalls durch die verschiedensten Arten der Gestaltung gekennzeichnet.

Aber auch trotz dieser riesiger Unterschiede sind doch alle diese Stoffe einfach Baumwolle und Sitez ist nur ein Teil davon. Es wird aus Halbkammgarn mit mittlerer Dicke (15,4-20 tex) hergestellt. Dabei wird die Leinwandbindung als Fadensystem benutzt. Das Gewicht befindet sich im Bereich von 92-103 g/m^2. Hierbei sollte man das sehr unterschiedliche Aussehen dieses Stoffes betonen: Sitez wird sowohl einfarbig (30%) als auch mit Druckbild (70%) angefertigt. Diese Druckbilder können sich in den Bereichen Grösse, Muster, Form und der farblichen Gestaltung stark unterscheiden.

Der Einfachheit halber werde ich im Artikel diesen Stoff weiterhin einfach Sitez nennen. Er stammt ursprünglich aus Indien und fand von dort aus seinen Weg nach Europa und Russland. Aber auch wenn die Sitez-Produktion in Russland später als im industriellen Westen begann, hat das russische Sitez dennoch ein eigenes, einmaliges, urwüchsiges „Gesicht“. Seine Einzigartigkeit wird durch den Einsatz uralter Handwerksfertigkeiten der Leinenproduktion erzielt.

Dazu gehören, der traditionelle Hand-Druck, das Verständnis der Volkskünstler für die Besonderheit textiler Motive, ihre Fähigkeit die perfekte Balance zwischen Muster und Hintergrund zu finden und der Sinn für eine rhythmische Farbgestaltung. Dies alles macht das russische Sitez aus.

Mehr über diesen Stoff und seine Geschichte kann man in Iwanowos Sitez-Museum erfahren. Die Ausstellung des Museums beginnt mit einem archäologischen Fund aus der Region, danach kommt man schnell zum Spinnrocken, Spinnrad und Webstuhl . Dank der Rekonstruierung die Arbeitsumgebung kann man sogar fast in alte Zeiten eintauchen. Sei es der Tisch für den Handdruck oder das Labor der Farben-Meister, all dies intensiviert das Erlebnis des Museumsbesuches. Die Einrichtung wird durch eine große Anzahl bedruckter Baumwolle, sowie mit antiken Holz- Muster-Stempeln, ergänzt. Weiterhin wird die Museums- Zusammensetzung durch historische, russische Trachten und Porträts von lokalen Stoff-Herstellern vervollständigt. Im nächsten Stockwerk wird auf die Zeit der Industrialisierung eingegangen und man macht sich mit der Maschinenproduktion von Sitez vertraut.

Auch wenn die Handarbeit aufgrund der tiefen Produktionskosten einige Zeit weiter existierte, wurde jedoch die Möglichkeit die Produktivität bei der Produktion um das 200-fache zu erhöhen früh genutzt. Schon im ersten Drittel des XIX Jahrhunderts war die Sitez-Branche reif für einen Übergang zur grossen, maschinellen Fertigung. Was alles dafür nötig war, ist hier im Museum zu sehen.

Das Modell der Stofffärbemaschine fand ich, trotz ihrer kleineren Grösse, interessant. Diese Maschine wäre im Original selbst für die Museums-Räume zu gross.

Natürlich kommen wir nun noch zu den Kupfer-Walzen mit ihren eingravierten Mustern. Ein paar davon standen auch da. Es war faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich gross sie sein konnten. Eine hatte die Masse einer erwachsenen Person, eine andere hatte ohne weiteres auf einer Handfläche Platz. Aber ob gross oder klein, diese Walzen hatten das gleiche Ziel – mit ihnen wurde die Farben in Mustern auf die Stoffe gedruckt.

Ich muss sagen, dass ein Schaukasten mich besonders beeindruckt hat. Da man dort sehen konnte wie sich das Aussehen eines Uni-Stoff Schritt für Schritt verändert. Genauer gesagt, geht es um die verschiedenen Farbläufe die zusammen am Ende ein wunderschönes Muster ergeben. Wenn ich dabei nur bedenke, dass dafür bis zu 5 (vielleicht manchmal auch mehr) Durchgänge mit verschiedenen Farben nötig waren, da ist es schon inspirierend, wie genau die Arbeit ausgeführt werden musste, um diese 5 verschiedenen Farben in einem Stoff perfekt zu vereinigen und darauf dieses interessante, genaue Muster zu verewigen.

Über den Museumsbesuch könnte man fast unendlich viel schreiben, aber ich möchte nur noch einen Fakt erwähnen. Auch wenn dieses Museum nicht speziell auf Patchwork ausgerichtet ist, habe ich mich gefreut, dass auch unserem Handwerk ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Nämlich hat auch eine Patchworkdecke aus dem Jahr 1910 im Sitez-Museum einen Platz gefunden. Sie wurde, um das Gefühl dieser Epoche Russlands herzustellen, neben einer antiken Wiege in einem Schaufenster ausgestellt.

Meine Beschreibung dieses Tages-Ausflugs wäre nicht vollständig, wenn ich nur über das Museum erzählen würde. Alle 2 Jahre findet in Iwanowo das Allrussische Patchworkfestival unter dem Namen Fleckenmosaik Russlands statt. Viele Quilterinnen und Quiltgruppen aus dem ganzen Land nehmen daran teil. Dieses Quiltevent wurde im patCHquilt Bulletin Nr. 92, in dem Artikel „Quiltreise nach Moskau und Sankt Petersburg „ von Gudrun Heinz , schon einmal erwähnt. Die Eröffnung und der Schluss des Festivals wird mittlerweile in Moskau zelebriert. Der Hauptstandort des Festivals ist seit dessen Beginn Iwanowo und dies bleibt auch bis jetzt der Ort, wo alle Quilts des Festivals über den grössten Teil der Zeit ausgestellt sind. Diese Wahl wurde nicht zufällig getroffen. Trotz allen Höhen und Tiefen die die Textilindustrie in Russland erlebt hat, bleibt Iwanowo immer noch ein anerkanntes Zentrum für textiles Schaffen. So passte das Fleckenmosaik Russlands perfekt dorthin. Wobei die Organisation des 1. Quiltfestivals im Jahr 1997 durch die damalig schwierige politische und wirtschaftliche Situation Russlands erschwert wurde. Protestaktionen überall in Russland, häufige Zahlungsausfälle der Löhne oder die Verhandlungen in Tschetschenien waren nur einige Probleme die Russland damals hatte. Dennoch wurde zum ersten Mal dieses bedeutsame Quiltfestival organisiert und konsequent jedes ungerade Jahr weitergeführt, so dass sich hier mit der Zeit das grösste Patchworkevent Russlands entwickeln konnte.

Am 8. allrussischen Quiltfestival haben Quilterinnen aus 60 verschiedenen Städten teilgenommen. Das Organisationskomitee hat mehr als 700 verschiedene Quilts untersucht und ca. 350 davon zur Teilnahme am Festival zugelassen. So wurden in 5 Ausstellungshallen von Juni bis Juli 2011 Quiltausstellungen organisiert. Ende Juli sorgten das Ergebnis des Wettbewerbs, Workshops, verschiedene Kurse und andere Events für den Abschluss des Festivals.

Klar die meisten Werke waren sehr russisch, dazu gehört der sehr farbige Stoff (sehr viel Sitez), viele Motive aus einheimischen Volksmärchen oder auch Abbildungen orthodoxer Kirchen. Ausstellungen, in denen hauptsächlich Wandbilder ausgestellt waren, wurden sehr gut durch Decken, Taschen oder andere Accessoires ergänzt. Im Jahr 2013 wird das 9. Festival organisiert. Wenn jemand in eine andere Welt eintauchen und einen Blick auf das russische Patchwork werfen möchte… herzlich willkommen!

Olga Späth
erschienen in: patCHquilt Bulletin Nr. 93, Sommer 2012
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